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Ryan Gander x Edgar Degas - Pas de deux Extra Informationen

Ryan Gander x Edgar Degas - Pas de deux Extra Informationen

Eine Erläuterung zu den Skulpturen von Gander und Degas durch Kuratorin und Museumsdirektorin Brigitte Bloksma

Klicken Sie hier für die englische Übersetzung

1. Come up on different streets, they both were streets of shame, or, Absinth blurs my thoughts, I think we should be moving on (2009), The Ekard Collection 

Seit 2008 arbeitet der britische Künstler Ryan Gander an einer konzeptionellen Serie, in der er das weltberühmte vierzehnjährige Tänzerchen von Edgar Degas neu interpretiert und in eine zeitgenössische Zeit versetzt. Gander begleitet seine Ballerina-Bilder immer mit einem weißen Sockel und einem leuchtend blauen Würfel. Blau ist für Gander die Farbe, die abstrakte Ideen symbolisiert, wie sie oft in moderner und zeitgenössischer Kunst vorkommen. Denken Sie nur an die Blue Nudes von Henri Matisse und die monochromen Gemälde von Yves Klein in Ultramarinblau. Der weiße Sockel ist ein Verweis auf die wichtigen Institutionen in der Kunstwelt wie die Museen.

Die poetischen und erzählerischen Titel von Ganders Werken entführen Sie in Szenarien und Situationen, die das vierzehnjährige Tänzerchen von Degas im einundzwanzigsten Jahrhundert erleben könnte.

In Come up on different streets, they both were streets, or, Absinth blurs my thoughts, I think we should be moving on (2009) lädt Ryan Gander den Betrachter zu einem Spiel der Assoziation und Interpretation ein. Der erste Teil des Titels, entlehnt einem Songtext von Dire Straits, suggeriert eine Begegnung verschiedener Wege oder Perspektiven, die letztendlich verbunden sind. Das Tänzerchen schaut stehend auf ihren Zehenspitzen neugierig durch das Fenster nach draußen, auf die Terrasse. Als ob sie aus den Kulissen des Theaters den Zuschauer beobachtet und Teil davon sein möchte.

7. Local and global reaching out, or, And sailed back over a year, And in and out of weeks, And through a day (2017), Haidas Collection

In der Ausstellung werden Sie herausgefordert, Teil einer Choreografie zu sein, in der Gegenwart und Vergangenheit aufeinandertreffen. Es ist fast, als ob Sie sich in einer Traumwelt befinden, in der die vertrauten Formen der Realität verschwimmen und ein Gefühl des Staunens entsteht – vergleichbar mit Alice im Wunderland, wo alles sich bewegt und verändert, aber gleichzeitig Realität zu sein scheint. So kriecht die Ballerina in dem Werk Local and global reaching out, or And sailed back over a year, And in and out of weeks, And through a day (2017) aus einem kleinen weißen Sockel, der in einem großen weißen Sockel aufgestellt ist. Die Größe des Sockels fordert Sie heraus, selbst Teil des Kunstwerks zu werden.

Ryan Gander scherzt hier in einem Interview 2017 darüber: „She’s crawling out of the plinth, which represents the institution of art. She’s freed herself. But what’s she hiding from? Probably all the terrible contemporary art“ (Sie kriecht aus dem Sockel, der das Institut Kunst darstellt. Sie hat sich befreit. Aber wovor versteckt sie sich? Wahrscheinlich vor der ganzen schrecklichen zeitgenössischen Kunst.)

Der Titel des Werkes ist ein Fragment eines Zitats aus dem Buch ‚Where the Wild Things Are‘ des amerikanischen Kinderbuchautors Maurice Sendak:

„And [he] sailed back over a year
and in and out of weeks
and through a day
and into the night of his very own room
where he found his supper waiting for him
and it was still hot“

8. Epiphany…learnt through hardship (2012), ADL Collection

Das Werk Epiphany…learnt through hardship (2012) zeigt eine Ballerina sitzend, mit angezogenen Beinen und ihrem Kopf auf den Knien ruhend. Hier verschwindet die theatralische Spannung und die Bühnenhaltung des originalen Tänzerchens von Degas vollständig. Das Mädchen wirkt introvertiert, verletzlich und scheint abwesend. Zudem sitzt sie in derselben Pose wie das Modell auf dem berühmten Foto Nude (1936) von Edward Weston (1886–1958), Pionier der modernen Fotografie.

9. As old as time itself, slept alone (2016), Arts Council Collection, Southbank Centre, London

Ganders Einsatz von Wiederholung und manchmal subtilen Verschiebungen in der Pose bringt eine zeitgenössische Interpretation von Degas’ Skulptur. Indem er die Tänzerin aus ihrer ursprünglichen Rolle als Objekt des (männlichen) Blicks löst, gibt er ihr zudem eine eigene Stimme. Ein schönes Beispiel dafür ist das Werk As old as time itself, slept alone (2016). In diesem Bild liegt das Mädchen in einer stillen Pose mit geschlossenen Augen, als ob sie schläft. Die physische Verletzlichkeit ihres jungen Körpers kontrastiert mit dem massiven, leuchtend blauen Würfel neben ihr. In dieser Komposition scheint das Mädchen nicht betrachtet werden zu wollen, sondern sich träumend von ihrer Umgebung abzuschließen. Damit kippt Gander das historische Machtverhältnis von Degas’ Skulptur: vom Objekt des Blicks zum Subjekt in der Reflexion. 

16. Petite danseuse de quatorze ans, 1880-1881 (1922), Edgar Degas. Bronze und Textil. Sammlung Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam. Leihgabe Stichting Museum Boijmans Van Beuningen 

Wer kennt sie nicht? Das Tänzerchen von vierzehn, das ein wenig gelangweilt, den Kopf leicht im Nacken, und die Hände auf dem Rücken gehalten, auf Anweisungen des Choreografen oder eine Rüge des Tanzlehrers zu warten scheint. Mit ihrer Höhe von 98 Zentimetern ist die Skulptur in etwa zwei Drittel der Größe des Modells ausgeführt, der vierzehnjährigen Marie - Geneviève van Goethem (1865-nach 1922), die, als sie für die Skulptur posierte, in Ausbildung zur Balletttänzerin bei der Pariser Oper war. Die Tänzerin ist auffallend größer als die anderen Skulpturen, die wir von Degas kennen. Diese sind meist kleinere Studien von Tänzerinnen, Pferden oder badenden Frauen. Petite danseuse de quatorze ans ist die einzige Skulptur, die Degas jemals ausstellte und verursachte während der sechsten Ausstellung der Impressionisten einen Schock unter den Besuchern und der Presse. Durch die realistische Darstellung einer jungen Ballerina mit einer Perücke aus echtem Haar, einem Tutu und Ballettschuhen verschwammen die Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit.

Degas ist bekannt für seine vielen Darstellungen von Balletttänzerinnen. Obwohl diese auf den ersten Blick etwas süßlich für den heutigen Betrachter wirken, durch die luftigen Tutus und die farbenfrohe, impressionistische Ausführung in Pastellkreide oder Öl, passen sie innerhalb des realistischen Fokus seines Œuvres. Denken Sie an die von Degas dargestellten Pferderennen, müde Wäscherinnen, betrunkene Menschen in einer Kneipe und die Tänzerinnen der Pariser Oper, die Ende des neunzehnten Jahrhunderts kein makelloses Image hatten. Die Tänzerinnen waren oft aus einfachen Verhältnissen und standen unter Druck, es den männlichen, wohlhabenden Besuchern recht zu machen. Sie wurden mit Prostitution in Verbindung gebracht und abfällig ‚Ratten‘ genannt. Degas hielt nicht so sehr die Ballettvorstellungen fest, sondern gerade die wartenden Tänzerinnen in den Kulissen, Tänzerinnen, die Übungen machen oder Spitzenschuhe anziehen, müde oder gelangweilt sind und die Lektionen im Ballettstudio.

17. You walk into a space, any space, or, Poor little girl beaten by the game (2010), Zabludowicz Collection

Mit einer Kombination aus subtiler Humor, Spiel und Erzählung lädt Ryan Gander den Betrachter zum aktiven Sehen und Interpretieren ein. In You walk into a space, or, Poor little girl beaten by the game (2010) spielt Gander mit den Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen Objekt und Erzählung. Das Werk ruft eine Szene aus einer uns unbekannten Vorstellung hervor, in der bunte Objekte in geometrischen Formen die Hauptrolle spielen.

Typisch für Gander ist, dass er Bedeutung nicht explizit zeigt, sondern der Vorstellung überlässt. Der Titel selbst ist ebenfalls ein Spiel mit Perspektive und Emotion: Wer ist das Mädchen? Welches Spiel wurde gespielt? Und was ist unsere Rolle als Betrachter? Gander gibt keine Antworten, sondern öffnet Welten – zwischen den Zeilen, im Raum und in unserer eigenen Interpretation.

18. I don’t blame you, or, When we made love you used to cry and I love you like the stars above and I’ll love you ‘till I die (2008), Burger Collection, Hong Kong

In dem Werk I don’t blame you, or, When we made love you used to cry and I love you like the stars above and I’ll love you till I die (2008) verändert Gander erneut das Perspektive der Ballerina. Er stellt das Mädchen sitzend mit einer Zigarette in der Hand dar. Eine entspannte Haltung, die fast meditativ wirkt, als ob sie sich bewusst aus dem Spektakel zurückzieht, das einst ihre Existenzberechtigung war. Dieses Werk aus 2008 ist das erste aus der Serie Ballerina-Bilder.

19. Waiting for timefall, or, Living in a time where everything is possible, but nothing can happen (2025), Sammlung museum Beelden aan Zee, Den Haag

In Ganders jüngstem Werk, Waiting for timefall, or, Living in a time where everything is possible, but nothing can happen (2025), ist die Tänzerin nicht länger das einzige Objekt der Reflexion; sie ist in eine breitere, fast kosmische Perspektive integriert. Das Werk zeigt die Ballerina vor dem Hintergrund einer großen blauen Fläche, in einem Moment der Stille, als ob sie auf etwas wartet, das außerhalb ihrer Reichweite liegt — was auf die Idee des 'Wartens' als einem aktiven Zustand des Seins verweist. Dieses Bild ruft die Spannung zwischen dem Verlangen nach Kontrolle über das Verständnis von Zeit und dem unvermeidlichen Fortschreiten derselben hervor. 

Mit dem Zusammenbringen der Ballerina-Bilder von Gander in einer Ausstellung wird deutlich, wie sich seine Serie über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren zu einem visuellen Roman entwickelt hat: Jedes Werk ist eine Szene, ein Moment oder eine Erinnerung aus einem Leben, das nicht in eine einzige Zeit oder Raum passt. Die Ballerina ist dadurch nicht länger ein Ikon, sondern eine menschliche Figur mit für jeden erkennbaren Unsicherheiten, Zweifeln und Träumen.